Das Kunstradfahren ist eine faszinierende Disziplin im Radsport. Unverständlich ist, warum dieser Radsport in Österreich nur im äußersten Westen des Landes, in Vorarlberg ausgeübt wird.
Drehungen, Steiger sowie Sprünge: Kunstradfahren vereint Akrobatik, Balance und Choreografie. Nur etwa 55 Kunstradfahrer in allen Altersklassen gibt es österreichweit und alle sind in Vorarlberger Vereinen zu finden. Warum gibt es Kunstradfahren nur im äußersten Westen Österreichs?
Verantwortlich dafür ist die Nähe zu Deutschland. „Deutschland ist weltweit die stärkste Kunstrad-Nation und bei einer WM ist es eine Überraschung, wenn deutsche Athleten nicht die ersten Plätze belegen“, so Marcel Schnetzer vom Radclub Höchst, wo der 28-Jährige Kunstradprofi nach seiner aktiven Zeit nun die Sportler trainiert.
„Mir gefällt an dieser Sportart, dass sie nicht jeder ausübt sowie der Zusammenhalt. Wir sind eine große Hallenradsport-Familie“, erklärt Marcel, der seine Freundin, die amtierende deutsche Zweierkunstradfahren-Weltmeisterin Antonia Bärk, bei Wettbwerben kennengelernt hat.
Zum Thema Familie passt es da auch, dass Marcels Vater Andreas der Präsident des Kunstradsports in Österreich ist und auch seine Mutter Margot werkte lange als Trainerin.
„Auch meine Oma krönte ihrer Karriere mit dem Meistertitel“
Das Kunstradfahren wurde auch Christopher Schobel in die Wiege gelegt. Der 25-jährige Vorarlberger punktet seit Jahren bei Weltmeisterschaften mit Top-Platzierungen: „Mein Vater Robert Schobel war zehnfacher Kunstrad-Staatsmeister. Auch meine Oma Lotte Schobel krönte ihre Karriere mit dem Meistertitel und trainierte selbst bis weit über 80 Jahre hinaus den Nachwuchs“, so Christopher, der die „Radkrone“ beim Training in der Radlerhalle in Höchst besuchte.
Christopher tritt bei Wettkämpfen in der Disziplin im Einzelkunstradfahren an. Dabei gilt es innerhalb von fünf Minuten bis zu 30 verschiedene Figuren zu präsentieren. Beim Zweierkunstradfahren fahren zwei Athleten synchron und kombinieren dabei die Figuren, während es beim Vierer- und Sechserkunstradfahren vor allem auf eine perfekt abgestimmte Kür ankommt.
Ebenfalls in der Weltspitze angekommen ist die sympathische Lorena Schneider. Die 24-jährige Vorarlbergerin holte sich bereits in den Jahren 2023 und 2024 die WM-Bronze-Medaille im Einzelkunstradfahren. Doch der Erfolg kommt nicht von allein: Drei- bis viermal pro Woche wird in der Radlerhalle trainiert. Die 24-Jährige wischt sich den Schweiß von der Stirn: „Es ist schon recht anstrengend.“
Lorenas Motivation: Die Freude und der Spaß an dieser außergewöhnlichen Art und Weise Fahrrad zu fahren. Denn bekannt und reich wird man beim Kunstradfahren nicht. „Bei einer WM gibt es für jahrelang erarbeitete Höchstleistungen eine Medaille, aber kein Preisgeld“, lächelt Marcel, der bis 2023 im Nationalteam war.
Kunstradfahren ist einfach erlernbar
Das Kunstradfahren, darin sind sich Antonia, Lorena, Christopher und Marcel einig, ist einfach zu erlernen und für jeden geeignet. „Man startet mit einfachen Übungen, um ein Radgefühl zu bekommen“, so Marcel.
Das ideale Alter, um mit dieser Radsportart zu beginnen, ist sechs Jahre. „Bei Interesse einfach melden“, so Marcel, der hofft, dass es vielleicht einmal mehr Kunstradvereine in Österreich gibt.
Das Kunstrad ist ein speziell konstruiertes Fahrrad, das für den Hallenradsport, insbesondere das Kunstradfahren entwickelt wurde. Dabei unterscheidet es sich deutlich von herkömmlichen Fahrrädern und ist auf die Ausführung von akrobatischen Übungen und Figuren optimiert.
Das Kunstrad verfügt über einen massiven Stahlrahmen, um eine hohe Belastbarkeit zu gewährleisten sowie einen starren Gang. Das bedeutet, dass sich die Pedale immer mit dem Rad bewegen, was ein Vorwärts- und ein Rückwärtsfahren ermöglicht.
Der Lenker ist meist waagrecht und symmetrisch gestaltet, um Übungen in beide Richtungen ausführen zu können, aber auch um darauf zu balancieren. Der Sattel ist flach und mit Stahl verstärkt, dass darauf gestanden oder geturnt werden kann.
Die beiden Räder sind gleich groß, typischerweise 26 oder 28 Zoll. Die Speichen sind stabil und die Reifen schmal und griffig, um optimalen Halt auf dem Hallenboden zu bieten. Die Reifen werden übrigens mit einem Druck von bis zu 15 Bar aufgepumpt.
Über ein Bremssystem verfügen Kunsträder nicht, sondern das Tempo durch den starren Gang kontrolliert.
Europaweit gibt es nur noch drei Hersteller von Kunsträdern. Zwei befinden sich in Deutschland und einer in der Schweiz.
Das Kunstradfahren ist übrigens schwerer, als es aussieht, wie es auch ein Selbstversuch belegt.